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Man lebt dauerhaft in einer Lüge.

Schon als Jugendliche habe sie viel Alkohol konsumiert und Abstürze gehabt. Während der Schwangerschaften und als die Kinder klein waren, sei es ihr leichter gefallen, dem Alkohol zu entsagen. Doch die Angst – vor allem als Mutter – zu versagen, habe sie immer häufiger zur Flasche greifen lassen, berichtet Dagmar Wolf. Sie sei Pegeltrinkerin gewesen und habe täglich zwei, drei Flaschen Wein getrunken, schließlich zwei Flaschen Wodka. Erst zwei schwere Schlaganfälle brachten sie dazu, ihr Leben zu verändern. Seit 16 Jahren ist sie trocken und hilft nun als Gruppenleiterin bei AIDA – Ab in die Abstinenz Ludwigshafen – eine gemischte Gruppe unter dem Dach der Caritas – anderen Menschen, von ihren Süchten loszukommen.

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Wie sie die Alkoholabhängigkeit der Mutter erlebt hat, erzählt ihre Tochter Ricarda Kiefer: »Man wird früher erwachsen.« Offen geredet wurde in der Familie nicht, aber alle trugen dazu bei, die Fassade nach außen aufrecht zu erhalten. Verabredungen wurden mit Ausreden abgesagt, Freundinnen mit nach Hause bringen war für die Töchter nicht drin. 

Nicht nur die Mutter auch alle anderen isolierten sich nach und nach. »Man lebt dauerhaft in einer Lüge.« Heute ist die junge Frau in einer Gruppe für Coabhängigkeit – ebenfalls unter dem Dach der Caritas – engagiert und hat dort einen »gesunden Egoismus«, sich besser abzugrenzen und Nein sagen gelernt.

Bei Brigitta Roos begann es mit dem Feierabendbier zur Entspannung, später kam schon vormittags der Weinschorle dazu. So ging das lange Zeit ohne ernsthafte Versuche, das Verhalten zu ändern. Erst als ihr Sohn damit drohte, ihr den Enkel vorzuenthalten, wenn sie weiter trinken würde, sah sie sich veranlasst, zu ihrem Problem zu stehen und etwas dagegen zu tun. Sie schaffte es, nach einer Langzeittherapie trocken zu bleiben, und schloss sich dem Kreuzbund Mannheim an – eine Anlaufstelle für Menschen mit Süchten der Katholischen Kirche mit bereits 125-jähriger Geschichte. Heute leitet Brigitta Roos die Frauengruppe. Die Gruppe ist altersgemischt, auch junge Mütter finden dort Gehör.

Der Ehemann Hans-Peter Roos ist Sprecher aller Kreuzbundgruppen in Mannheim und beschreibt seine Suchtkarriere als Resultat von Leistungsdruck und eigenen Perfektionismusansprüchen. Alkohol als Belohnung nach einem harten Tag, zum Feiern eines guten Abschlusses oder als Tröster bei Misserfolgen, Anlässe zum Trinken gab es viele. Der Geschäftsmann war überzeugt, dass man »alles aufhören und was Neues anfangen« kann und tat es. Er hörte auf zu trinken, reaktivierte seine sportlichen Fähigkeiten und engagierte sich im Kreuzbund. Und er lernte, dass er nicht immer seinen Kopf durchsetzen muss, was so manche Situation – auch in der Familie – entspannte.

Im Alter von 13 Jahren war der Erdbeersekt auf dem Jahrmarkt die Einstiegsdroge für Friedhelm Gahn. Später kam Cannabis hinzu, dann Partydrogen und schließlich »harte Sachen«. Lange Zeit glaubte der Einzelhandelskaufmann, nur unter Drogen den Stress und Druck im Alltag auszuhalten. Nach einer zehn Jahre dauernden »harten Phase« suchte er schließlich Hilfe bei seinem Hausarzt, der ihn zum Psychiater schickte. Während der Entgiftung im Zentralinstitut für Seelische Gesundheit machte er die positive Erfahrung, dass die professionellen Helfer:innen sein Problem verstanden und ihm helfen wollten und konnten. Und er lernte, zu reden. »Vorher habe ich nie gesprochen, nur Leistung gebracht«, erzählt er. Er wurde animiert, sich Selbsthilfegruppen anzusehen und landete schließlich beim Kreuzbund, wo er sich »sofort zuhause« fühlte.

 

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»Ich ziehe sehr viel Kraft daraus.«

Wie wichtig dir Selbsthilfegruppen für die persönliche Veränderung und die dauerhafte Abstinenz waren und sind, betonen alle fünf Gesprächsteilnehmer:innen. Und sie sehen Veränderungsbedarf in der Gesellschaft. »Was Alkohol an Schaden anrichtet, verursacht höhere Kosten als andererseits an Steuern für alkoholische Getränke eingenommen wird«, sagt Friedhelm Gahn. Alkoholismus als Krankheit zu sehen, statt die Betroffenen auszugrenzen, wünscht sich Dagmar Wolf. Und ihre Tochter plädiert für mehr Prävention an Schulen und zwar nicht nur, um junge Menschen von der Sucht fernzuhalten, sondern um Kindern, die in Suchtfamilien aufwachsen, Austausch und Hilfe anzubieten. Generell sollte die Arbeit der Suchthilfe finanziell und personell gestärkt werden, um dem wachsenden Bedarf gerecht zu werden.